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GERTRUDE LANG - Werke
Gertrude Lang, in Bewegung geraten, Mischtechnik auf Leinwand, 100 x 100 cm
Gertrude Lang, Abertrotz, Mischtechnik auf Leinwand, 40 x 40 cm
Gertrude Lang, wenn es regnet sind keine Vögel da, Mischtechnik auf Leinwand, 40 x 40 cm
Wenn es regnet sind keine Vögel da
über die Arbeit von Gertrude Lang
Als ich Gertrude Langs Malerei das erste mal sah, dachte ich, na ja eine Malerin ihrer
Generation, so wie ich es seit meiner Kindheit von zahllosen Ausstellungen kenne,
abstrakt, ungegenständlich – eben so, wie man sich moderne Kunst vorstellt. Einfach
möchte man meinen.
Nichts ist einfach. Alles ist komplex und verwoben, uns dennoch nah.
So musste ich – es stellte sich eigentlich von selbst ein, wie Gertrude Lang es
vielleicht auch von ihren Bildern sagt – meinen Blick klären, mich freimachen von der
Müdigkeit des gewohnten Sehens („kennt man doch schon”), wieder zu Unschuld und zu
Neugierde finden. Dabei hilft es mir, die Bilder zu Reproduktionszwecken in meinem
Atelier stehen zu haben. Ich habe Zeit zum Schauen und mich einzulassen – echter
Luxus.
Kann man diese Bilder so unverstellt betrachten, so findet man einen Kosmos vor, in
dem es Gesetze gibt, eine Logik in deren Zusammenhang Kräfte wirken und
vermeintliche Zufälle, Aktionen und Reaktionen Spannung ergeben.
Um sich abstrakter Malerei zu nähern, die sich im Augenblick eher gegen die aktuelle
Kunstmarktströmung bewegt, muss man überlegen wo sie ursprünglich herkommt.
Lange war die Malerei die einzige Möglichkeit, die sichtbare und gedankliche Welt
ins Bild zu fassen und damit speicherbar zu machen. Wie die Erkenntnis der Perspektive
eine Errungenschaft für die Bildende Kunst war, so ist die Befreiung vom Gegenstand,
vom anatomischen Körper, vom reellen – heute, fotografischen Blick, eine ebensolche.
Dabei ist jeder Pinselstrich ohnehin schon abstrakt und grafisch, nur stand das
Erzeugen von Illusion, von illusionistischen Abbildern lange im Vordergrund. Die
Fotografie nahm der Malerei dieses Korsett.
Gertrude Lang ist so frei – befreit, möchte man sagen – ihren Kosmos zu offenbaren,
ihn sichtbar zu machen.
Die verwendeten Zeichen, Farben und Formen sind keine Samples der
Kunstgeschichte oder Zitate, sie sind ureigenst, originär, urmenschlich und natürlich. Sie
findet alles auf ihrer Leinwand, den Pinsel in der Hand – manchmal nur eine Art Fleck,
manchmal eine Spirale oder so etwas wie ein Tier, eine Pflanze, ein Möbel. Dabei
bleiben sie nicht lose oder sinnlos.
Gertrude Lang ist neugierig, sie fragt sich vermutlich: „Was bist denn du da?” und
beginnt zu forschen, zu entdecken, zu kultivieren – vielleicht Erkenntnis zu gewinnen.
Alles findet und bekommt seinen Platz und Sinn.
So ureigenst und selbstverständlich ist auch die Farbsprache. Sie erscheint einem auf
den ersten Blick vielleicht naiv – was keineswegs negativ zu werten ist. Die Verwendung
von reinen und unschuldigen Farben sticht nahezu hervor. Sie verwendet ein
eindeutiges Grün und Rot, Gelb, Blau, Braun – nicht gebrochen, nicht ins Licht gesetzt,
sie leuchten aus sich selbst. Dabei sind sie feinsinnig ausbalanciert und Ursache eines
starken Raumempfindens, das sich häufig einstellt und der reinen Farbe nur scheinbar
widerspricht.
Im Zusammenspiel mit ihren Urformen und Urzeichen ergeben sich unterschiedlichste
Empfindungen, weit entfernt von Befindlichkeiten und Klischees.
Das Bild wenn es regnet sind keine Vögel da, erscheint fast farblos, dämmerig. Es ist
beängstigend leer – erst einmal. Eine schwarz-braune Fläche am Rand quadratische
Formen, Erdfarben – lässt man sich mit dem Blick durch die Oberfläche fallen, so kann
man schemenhaft eine Stadtlandschaft erkennen, die Nacht spüren, wie sie
unfreundlich, nass einen neuen Morgen erwarten lässt – wo sind sie hin, die Vögel?
So erscheinen die Bilder nur auf den ersten Blick abstrakt, darüber hinaus sind sie
Begegnungen mit Erfahrungen und Stimmungen ganz konkreter Art.
Diesen Widerspruch zu überbrücken, kurzzuschließen gelingt ihr, weil sie mit dem Bild
arbeitet, mit sich selbst – sie begibt sich in den Fluss der Handlung, dem Malen,
Denken, Empfinden.
Vermutlich sagt sie deshalb, dass sie nicht weiß, was sie tut. Einfach gedacht mag man
ihr recht geben. Im Grunde tut sie aber etwas, von dem sie spürt, dass es richtig ist.
Würde sich ein Gefühl von Falschem, Verfälschtem oder gar von Leblosigkeit einstellen,
wäre das Bild nicht fertig oder müsste übermalt werden.
Was ist das? Eine Blume? Ein Duft? Über eine Frühlingswiese voller sattem Leben
und Gedeihen spazieren?
In diesem Tun, Fragen, Forschen liegt die Lebendigkeit, die Eigenständigkeit des
Bildes. Die Kraft, wie ein Organismus autark fortzubestehen ist der größte Gewinn. Für
uns als Betrachter, sowie für das Bild selbst.
Es wunderte mich keineswegs, als sich Gertrude Lang von ihren Bildern
verabschiedete, als sie diese im Atelier bei mir zurückließ. Sie sind für sie eigene Wesen,
Früchte und Kinder ihres Schaffens.
Wenn wir es also zulassen, uns einlassen, zeigen sie uns eine idealisierte, freundliche
Welt, in der es keine starren, statischen Formen, keine Lineale und Scheren gibt. Ein
von grundauf positiver Kosmos, der für uns ist, der uns erheitert und Kraft gibt, der uns
leicht macht und zum Fliegen verleitet.
copyright Christian Dümmler, Februar 2010

